Deutsch-Ostafrika

Deutsch-Ostafrika war die größte der deutschen Afrikakolonien und dabei etwa doppelt so groß wie das Mutterland seiner Zeit. 1913 lebten in dem 995 000 km² großen Gebiet 7.750.000 Menschen, plus die 4.100 Deutschen sowie 5.300 anderen Europäer.

Zum Erwerb von Kolonien gründete Carl Peters die "Gesellschaft für deutsche Kolonisation" 1884, die später zur "Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft" wurde. Gegen Ende des Jahres 1884 begab er sich dann mit Graf Pfeil und Dr. Jühlke auf Expedition ins Innere des heutigen Tansania und schloss mit den Häuptlingen der Sadani und Bagamoyo Verträge ab. Die Anfänge für die Kolonie Deutsch-Ostafrika waren gelegt.

Die von Peters und seinen Mitstreitern abgeschlossenen Verträge mit Stammesoberhäuptern bildeten dann die Grundlage auf der die Übernahme der Schutzherrschaft durch das Reich beruhte. Der 1885 von Kaiser Wilhelm erteilte Schutzbrief für die Erwerbungen der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft gibt Peters nicht nur den Schutz des Reiches, sondern auch enorme Vollmachten in den von ihm erworbenen Gebieten.

Kaiserlicher Schutzbrief:

"Wir, Wilhelm von Gottes Gnaden Deutscher Kaiser von Preußen tun kund und fügen hiermit zu wissen:: Nachdem die derzeitigen Vorsitzenden der ‚Gesellschaft für deutsche Kolonisation' Dr. Karl Peters und Unser Kammerherr Felix Graf von Behr-Bandelin, Unseren Schutz für die Gebietserwerbungen der Gesellschaft in Ostafrika westlich von dem Reiche des Sultans von Sansibar außerhalb der Oberhoheit anderer Mächte, nachgesucht und Uns die von besagtem Dr. Karl Peters zunächst mit den Herrschern von Usagara, Nguru, Usguha und Ukami --- abgeschlossene Verträge, durch welche ihm diese Gebiete für die deutsche Kolonisationsgesellschaft mit den Rechten der Landhoheit abgetreten worden sind, mit dem Ansuchen vorgelegt haben, diese Gebiete unter Unsere Oberhoheit zu stellen, so bestätigen Wir hiermit, dass Wir ... die betreffenden Gebiete ... unter Unseren Kaiserlichen Schutz gestellt haben..."

Gegeben Berlin, den 27. Februar 1885

(gez. Wilhelm)

(gez. von Bismarck)

K. Graudenz, H.M. Schindler: Die deutschen Kolonien. 1982. S. 98.

Wie diese ersten Gebiete wurden auch weitere Landmengen durch Verträge mit den einheimischen Häuptlingen gewonnen. 1885 kam das Stammesgebiet des Sultans von Witu hinzu, das im heutigen Kenia liegt. Um immer mehr Land unter den Schutz des Reiches zu stellen und somit dem Gewinn der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft zu eröffnen, wurden mehrere Expeditionen ins Landesinnere organisiert.

Auch Carl Peters begab sich auf mehrere solcher Erkundungstouren. Er wollte nicht nur das von ihm erworbene Gebiet vergrößern, sondern auch sein Ansehen im Bemühen um die Festigung des deutschen Großmachtanspruches. Seine Expedition in Rekordzeit von nur fünf Wochen, in denen er das Gebiet mehrere ostafrikanischer Stämme durchquert und diese dazu noch kostengünstig bewältigt hatte, war sein ganzer Stolz. Wir er das schaffte verdeutlicht er selbst am besten in seinem Reisebericht aus der Erinnerung:

"Ich werde niemals die eigentümliche Schönheit dieses ersten Marschtages vergessen ... Schwärme von glühenden Leuchtkäfern schwirrten und sausten an uns vorüber; ein seltsam beklemmendes Gefühl überkam mein Herz, ungewohnt all solcher Eindrücke. Ich fühlte mich wie ausgeworfen auf einem anderen Planeten, wo das Leben noch glühender durch die Natur pulsiert. Ein unaussprechliches Sehnen und eine tiefe Melancholie überkam mich...
Ach, wir dachen an diesem Morgen nicht, dass wir die Heimat wieder erreichen würden ... Ich selbst musste meiner Fußwunde mich tragen lassen. An einer Stange vorn und hinten eine Hängematte befestigt; die Stange wurde zwar von zwei Negern auf die Schulter genommen, und in der Hängematte lag ich, geklemmt und gedrückt wie ein Fisch im Netz. Die Schwarten, trotz meiner Reitpeitsche und meines drohenden Revolvers, behandelten mich, schon aus alter Trägergewohnheit, rücksichtslos wie jedes andere Stück Gepäck, warfen mich unbarmherzig über den Kopf hinüber von einer Schulter auf die andere, sie setzten mich, zu Anfang wenigstens, nieder, ob in der Sonne oder im Schatten, ganz gleich, wenn sie müde waren - bis meine Peitsche, die jetzt erst in Anwendung kam, wo ich krank war, sie belehrte, dass wenigstens meine Arme noch nicht abgestorben waren. Zweimal ließ eine der Canaillen mich auf die Erde fallen, dass mein Körper auf dem steinigen Boden erdröhnte und die Stange mir ins Gesicht schlug. Dr. Jühlke, der vom 2. Tag an getragen werden musste, versuchten sie sogar Geld abzupressen. Zuweilen mussten der Revolver, der auf dem Hinmarsch meist im Futteral steckenblieb, den Kerlen zu beweisen, dass wir noch immer ihre Herren waren...
Oft marschierten von morgens 1 Uhr - bei vorausgetragenen Talglichtern - bis mittags 12 Uhr und von nachmittags um 3 wieder bis des Abends um 10 Uhr. Zuweilen, wenn die Träger nicht aufstehen wollten, so früh in der Nacht, musste ich mich mit gezogenem Revolver unter sie führen lassen und zum Aufbruch zwingen.
Wie oft haben wir wohl beide (Dr. Jühlke) hernach stundenlang zum funkelnden Sternenhimmel emporgeblickt, an dem über dem Meridian das schimmernde Sternbild des Orions, im Norden unmittelbar über dem Horizont der alte liebe Bär, im Süden aber das geheimnisvolle südliche Kreuz mit jenen eigentümlichen "Kohlenschäden" daneben standen, und versucht, im Anschauen des Unendlichen die Qualen der Gegenwart zu vergessen."

Carl Peters: Wie Deutsch-Ostafrika entstand. In: Voigtländische Quellenbücher, Bd. 37. Leipzig.


Carl Peters mit Freiherrn von Pechstein und Hauptmann Johannes auf seiner Kilimandscharo-Expedition

1887/88 schließt die "Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft" mit dem Sultan von Sansibar Pacht- und Überlassungsverträge über Gebiete an der ostafrikanischen Küste. Diese Verträge runden nicht nur das Einflussgebiet der Deutschen ab, sondern sichern auch wichtige Zugänge ins Landesinnere. Dadurch und durch die deutsch-englische Blockade wurden aber auch die Waffeneinfuhr und die Sklavenausfuhr, ein lukratives Geschäft, behindert. Daraufhin brach ein Aufstand der in diesen Gebieten lebenden Araber aus. 1889 wurde deshalb vom deutschen Reichstag ein Gesetz zum "Schutz der deutschen Interessen und Bekämpfung des Sklavenhandels in Ostafrika" erlassen. Zur Durchsetzung des Gesetzes und zur Befriedung der Aufstandsgebiete wurde der Hauptmann Hermann Wissmann als Reichskommissar in Ostafrika eingesetzt, der mit seiner sogenannten "Wissmann-Truppe" den Aufstand niederschlägt. Aus dieser bewaffneten Formation ging 1891 die Kaiserliche Schutztruppe hervor, da am 1. Januar 1891 das Deutsche Reich nach Vertrag mit der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft auch die Verwaltung des Schutzgebietes übernahm.

Mit dieser Übernahme ging auch eine Straffung der Verwaltung einher. Die Hauptstadt der Kolonie wurde Daressalam, wo auch der Gouverneuer seinen Sitz bekam. Erste Projekte zur Verbesserung der Infrastruktur wurden in Angriff genommen. Die erste Strecke der Usambara-Eisenbahn wurde 1894 eröffnet, weitere folgten. Bis 1914 entstanden 1627,7 km Eisenbahnlinie in Deutsch-Ostafrika.

Neben dem Ausbau des Verkehrsnetzes wurden auch auf andere Bereiche des öffentlichen Lebens der afrikanischen Ureinwohner Einfluss genommen. Nachdem 1892 bereits die ersten Regierungsschulen in Deutsch-Ostafrika gegründet wurden, kam es 18899 zur Einführung der allgemeinen Schulpflicht für alle Jungen. Damit wollte man einen nachhaltigen Einfluss auf die Bevölkerung ausüben, um die eigene Position zu stärken und im Falle einer Auseinandersetzung mit anderen Kolonialmächten Afrikas Unterstützung bei den Einheimischen zu haben.

Neben der Sicherung der Unterstützung durch die Bevölkerung mit Hilfe der Bildung spielte auch die Nutzung der landwirtschaftlichen Produkte eine Rolle in der Organisation der Kolonie. Besondere Bedeutung erlangte die Sisalagave, deren Hanf nach Deutschland exportiert wurde. Weitere wichtige Ausfuhrprodukte waren sogenannte Kolonialwaren wie Kaffee, Baumwolle, Sesam Erdnüsse, Tee, Mais, Reis, Kochsalz, Ölfrüchte und Palmkerne, aber auch Felle, Häute, Elfenbein, Kupfer u.a. Der Sisalhanf hatte für Deutschland aber wohl den größten Wert. 1893 begann man mit der Anpflanzung der Sisalagave um den Hanf, das "weiße Gold Ostafrikas" zu gewinnen. Ganze Kolonialgesellschaften bezogen ihre Gewinne aus diesen Pflanzungen. Verbesserte Anbaumethoden oder Verbesserungsvorschläge für den Plantagenbetrieb konnte man ab 1902 aus dem eigens dafür gegründeten Biologisch-Landwirtschaftlichen Institut in Amani/ Ostusambara erfahren. Es zählte zu den bedeutendsten Agrar-Forschungsstätten Afrikas.

Mit diesen ersten Erfolgen in der Verwaltung und im Aufbau eines funktionierenden Systems in der größten deutschen Kolonie, sah sich die Schutztruppe 1907 endlich veranlasst, die zivilen Verwaltungsaufgaben den Bezirksämtern zu übertragen. Zu diesen zivilen Aufgaben zählten neben der unteren und mittleren Rechtssprechung, der Überwachung des Verkehrswesens, der Bildung und der allgemeinen öffentlichen Sicherheit auch die medizinische Minimalversorgung der Bevölkerung. Nur gesunde Menschen sind gute Arbeitskräfte. Ab 1909 widmete man sich deshalb einer der weitverbreitetsten Krankheiten Afrikas, den Pocken. Ein großangelegtes Impfprogramm wurde ins Leben gerufen, dem bis 1913 fast die Hälfte aller afrikanischen Einwohner der deutschen Ostafrikakolonie ihre Pockenimpfung verdanken.

Der erste Weltkrieg beendete jedes großangelegte Projekt in Deutsch-Ostafrika. Hatte man 1911 noch im Deutsch-Belgischer Vertrag über gegenseitige Grenzansprüche die Grenze zwischen deutschem und belgischem Schutzgebiet festgelegt, standen sich beide Staaten ab 1914 im 1. Weltkrieg gegenüber. Auch in den Kolonien wurde gekämpft. Deutschland hatte seit dem 7. August Belgien und ab dem 8. August England in militärischen Auseinandersetzungen entgegenzutreten. Mit dem Vertrag von Versailles verlor Deutschland jeden Anspruch auf die Kolonie.


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